Wann ist ein Detektiv bei Krankschreibung erlaubt?
Eine Observation, also die planmäßige Beobachtung einer Person, ist bei einer krankgeschriebenen Beschäftigten nur erlaubt, wenn konkrete Tatsachen ernsthafte Zweifel an der Krankheit begründen. Solche Tatsachen sind zum Beispiel eine vorab angekündigte Krankmeldung oder auffällige Daten in Ihren Unterlagen. Bloßes Misstrauen zählt nicht.
Eine vorgetäuschte Krankheit kann ein Betrug sein, also eine Straftat. Bei Verdacht auf eine Straftat im Job nennt das Datenschutzgesetz Bedingungen: dokumentierte Tatsachen, eine notwendige Beobachtung und Interessen der Person, die nicht überwiegen. Ob dieses Gesetz neben der EU-Verordnung noch gilt, hat das Bundesarbeitsgericht offengelassen. Die Gerichte prüfen in der Praxis dieselben Fragen: Anlass, Notwendigkeit, mildere Mittel und die Interessen der beobachteten Person.
Warum eine Krankschreibung vor Gericht als starker Beweis gilt
Die ärztliche Krankschreibung ist das Beweismittel, das das Gesetz für eine Krankheit vorsieht. Vor Gericht gilt sie deshalb zunächst als richtig.
Wer sie anzweifelt, braucht Belege statt Zweifel. Sie müssen Umstände darlegen und beweisen, die ernsthafte Zweifel an der Krankheit wecken. Erst wenn Ihnen das gelingt, muss die Beschäftigte selbst nachweisen, dass sie krank war.
Bei gesetzlich Versicherten ruft Ihr Betrieb die Krankschreibung in der Regel elektronisch bei der Krankenkasse ab. Privat Versicherte müssen die Bescheinigung selbst vorlegen. Tun sie es nicht, dürfen Sie das Gehalt zurückhalten, bis sie da ist.
Welche Umstände Zweifel an einer Krankschreibung begründen
2023 entschied das Bundesarbeitsgericht über einen Helfer, der eine Krankschreibung für fünf Tage vorgelegt hatte. Der Betrieb kündigte ihm mit einem Schreiben vom selben Tag zum Monatsende. Zwei weitere Krankschreibungen deckten danach genau die Zeit bis zum Ende der Kündigungsfrist ab, und direkt im Anschluss begann er eine neue Stelle.
Das Gericht behandelte die Bescheinigungen getrennt. Die erste behielt ihren Wert, weil der Helfer von der Kündigung noch nichts wusste. Bei den beiden weiteren Bescheinigungen sah es ernsthafte Zweifel, denn sie passten genau zur Kündigungsfrist, und die neue Stelle folgte direkt darauf. Damit musste der Helfer selbst nachweisen, dass er krank war. Beides konnte der Betrieb aus seinen Unterlagen belegen, ohne jemanden zu beobachten.
| Umstand | Anlass für Zweifel? | Woher das stammt |
|---|---|---|
| Zwei weitere Krankschreibungen decken genau die Kündigungsfrist ab, danach beginnt eine neue Stelle. | Ja, kann Zweifel begründen | Bundesarbeitsgericht 2023 (Helfer) |
| Die Beschäftigte kündigt im Streit an, sich krankschreiben zu lassen, und tut es dann. | Ja, kann Zweifel begründen | Beispiel des Bundesarbeitsgerichts 2015 (Sekretärin) |
| Die erste Krankschreibung liegt vor der Kündigung, die Beschäftigte wusste davon noch nichts. | Nein | Bundesarbeitsgericht 2023 (Helfer) |
| Die Beschäftigte meldet sich nach einer Meinungsverschiedenheit krank. | Nein, nicht allein | Bundesarbeitsgericht 2015 (Sekretärin) |
| Die Beschäftigte wechselt den Arzt, oder die Diagnose ändert sich. | Nein | Bundesarbeitsgericht 2015 (Sekretärin) |
Was Sie vor dem Einsatz eines Detektivs versuchen sollten
Eine Observation ist das schärfste Mittel und deshalb das letzte. Vorher stehen Wege, die weniger tief eingreifen. Das Bundesarbeitsgericht nennt vor allem den Medizinischen Dienst, den ärztlichen Gutachterdienst der Krankenkassen, als milderes Mittel.
- Halten Sie schriftlich fest, was Ihren Verdacht ausgelöst hat: Datum, Uhrzeit und wer es gemeldet hat.
- Vergleichen Sie Ihre Unterlagen: Krankschreibungen, Kündigung und, falls bekannt, den Beginn einer neuen Stelle.
- Sprechen Sie mit der Beschäftigten und halten Sie das Gespräch schriftlich fest.
- Bitten Sie die Krankenkasse, den Medizinischen Dienst einzuschalten.
- Holen Sie erst danach das Angebot einer Detektei ein, mit einer eng begrenzten Aufgabe.
- Notieren Sie, warum die milderen Wege nicht gereicht haben.
Ein Detektiv kommt erst in Betracht, wenn der Medizinische Dienst nicht möglich ist oder nichts klären kann. Bei privat Versicherten steht dieser Weg unter Umständen nicht offen. Nichts klären kann der Medizinische Dienst zum Beispiel, wenn Sie nicht die Krankheit anzweifeln, sondern eine verbotene Nebentätigkeit vermuten. 2017 hielt das Bundesarbeitsgericht den Medizinischen Dienst für diesen Verdacht für ungeeignet. Eine verdeckte Überwachung durch einen Detektiv kann danach zulässig sein, wenn Tatsachen den Verdacht einer schweren Pflichtverletzung tragen.
Ob ein Gericht Ihnen die Detektivkosten erstattet, hängt auch davon ab, ob Sie die milderen Wege zuerst gegangen sind.
Was ein Detektiv ohne Anlass den Arbeitgeber kostet
Eine Sekretärin war wegen eines Bandscheibenvorfalls krankgeschrieben. Der Geschäftsführer zweifelte daran und beauftragte eine Detektei. Die Detektive beobachteten die Frau im Februar 2012: das Haus, sie selbst mit Mann und Hund vor der Tür und einen Besuch im Waschsalon. Sie filmten auch.
Das Bundesarbeitsgericht entschied 2015, dass die Beobachtung samt Videoaufnahmen rechtswidrig war. Der Arbeitgeber hatte keinen begründeten Anlass, und Videoaufnahmen verstärken den Eingriff in die Privatsphäre erheblich, besonders wenn sie heimlich entstehen. Das Gericht bestätigte eine Entschädigung von 1.000 Euro für die Frau.
2024 bestätigte das Gericht 1.500 Euro Schadenersatz für einen Mitarbeiter im Vertrieb. Sein Arbeitgeber hatte ihn nach einer Krankmeldung mehrere Tage von Detektiven beobachten lassen, auch auf seinem Grundstück, und seinen Gang festhalten lassen. Das Gericht wertete das als Verarbeitung von Gesundheitsdaten, für die besonders strenge Regeln gelten. Die Zweifel des Arbeitgebers an der Krankschreibung reichten nicht aus, die Beobachtung war deshalb nicht notwendig.
Ohne Anlass kommen deshalb mehrere Posten zusammen: Sie zahlen die Detektei selbst, und die beobachtete Person erhält eine Entschädigung. Im Fall von 2015 scheiterte der Arbeitgeber auch mit seiner Forderung, die Detektivkosten erstattet zu bekommen.
Zählt der Bericht des Detektivs vor dem Arbeitsgericht?
Ein Beweis wird nicht automatisch unbrauchbar, nur weil bei seiner Beschaffung ein Fehler passiert ist. Das Gericht wägt im Einzelfall ab. Ob ein Gericht die Fotos und den Bericht einer Detektei als Beweis zulässt, hängt deshalb vom Einzelfall ab.
Zwei Urteile zeigen die beiden Pole. 2023 ging es um Aufnahmen einer sichtbaren Kamera am Werkstor, die zeigen sollten, dass ein Arbeiter eine bezahlte Zusatzschicht nicht geleistet hatte. Solche Aufnahmen darf ein Gericht grundsätzlich verwenden, wenn sie absichtliches Fehlverhalten zeigen, auch wenn die Überwachung nicht in jeder Hinsicht dem Datenschutz entsprach. 2017 lag der Fall anders: Ein Arbeitgeber hatte heimlich jede Tastatureingabe und Bildschirmfotos eines Webentwicklers aufgezeichnet, ohne konkreten Verdacht. Diese Erkenntnisse ließ das Gericht im Kündigungsstreit nicht zu.
Eine heimliche Maßnahme greift tiefer ein als eine sichtbare Kamera. Sie braucht deshalb einen konkreten Verdacht, und zwar vor dem Auftrag.
Wie viel Zeit bleibt nach dem Detektivbericht?
Nach dem Bericht haben Sie 2 Wochen für eine fristlose Kündigung. Die Frist beginnt, sobald Sie die Tatsachen kennen, die die Kündigung tragen. Das ist meist der Tag, an dem der Bericht bei Ihnen eingeht.
Vor einer Kündigung wegen eines Verdachts sollten Sie der Beschäftigten Gelegenheit zur Stellungnahme geben. Planen Sie diese Anhörung so, dass sie in die 2 Wochen passt.
Lassen Sie sich von einer Fachanwältin oder einem Fachanwalt für Arbeitsrecht beraten, bevor Sie kündigen.
Häufige Fragen
Darf ein Arbeitgeber einen Detektiv auf eine krankgeschriebene Beschäftigte ansetzen?
Ja, ein Arbeitgeber darf einen Detektiv nur bei konkreten Tatsachen ansetzen, die die Krankschreibung ernsthaft anzweifeln. Ein Bauchgefühl genügt nicht. Das Bundesarbeitsgericht bestätigte 2015 eine Entschädigung von 1.000 Euro und 2024 einen Schadenersatz von 1.500 Euro, weil Arbeitgeber Beschäftigte ohne ausreichenden Anlass von Detektiven beobachten ließen.
Wann verliert eine Krankschreibung vor Gericht ihre Beweiskraft?
Eine Krankschreibung verliert ihre Beweiskraft, wenn der Arbeitgeber Umstände belegt, die ernsthafte Zweifel an der Krankheit wecken. Das Bundesarbeitsgericht sah das 2023 bei zwei weiteren Krankschreibungen, die genau die Kündigungsfrist abdeckten, worauf sofort eine neue Stelle folgte. Die erste Krankschreibung, ausgestellt vor der Kündigung, behielt ihren Wert.
Beweist ein Einkauf, dass eine Krankschreibung vorgetäuscht ist?
Nein, ein Einkauf oder ein Spaziergang beweist für sich genommen nicht, dass jemand arbeiten kann. Im Fall von 2015 sahen Detektive eine krankgeschriebene Sekretärin mit ihrem Mann und dem Hund vor dem Haus und in einem Waschsalon. Die Sekretärin gewann den Kündigungsstreit, und der Arbeitgeber musste 1.000 Euro Entschädigung zahlen.
Was sollte ein Arbeitgeber vor dem Einsatz eines Detektivs versuchen?
Ein Arbeitgeber sollte zuerst schriftlich festhalten, was seinen Verdacht auslöst, und seine Unterlagen vergleichen. Danach folgen ein dokumentiertes Gespräch mit der Beschäftigten und der Medizinische Dienst der Krankenkasse. Erst wenn diese Wege nicht möglich sind oder nichts klären, kommt eine eng begrenzte Detektivarbeit in Frage.
Darf ein Gericht die Beobachtungen eines Detektivs im Kündigungsstreit verwenden?
Ob ein Gericht die Beobachtungen eines Detektivs verwendet, entscheidet es im Einzelfall. 2023 ließ das Bundesarbeitsgericht Aufnahmen einer sichtbaren Kamera grundsätzlich zu, wenn sie absichtliches Fehlverhalten belegen. 2017 ließ es dagegen Erkenntnisse nicht zu, die ein Arbeitgeber ohne konkreten Verdacht heimlich mit einem Programm zur Tastaturüberwachung gesammelt hatte.
Wie lange darf ein Arbeitgeber nach dem Detektivbericht mit der fristlosen Kündigung warten?
Ein Arbeitgeber darf nach dem Detektivbericht höchstens 2 Wochen mit der fristlosen Kündigung warten. Die Frist beginnt, sobald er die Tatsachen kennt, die die Kündigung tragen, meist mit dem Eingang des Berichts. Eine Anhörung der Beschäftigten sollte in diese 2 Wochen passen.
